Bericht der Geschäftsführerin
Frauenrechte und Gleichstellung unter Druck – international und lokal
Die Diskussion im November-Landtag über das Landesbudget und die dabei abgegebenen Voten einiger Landtagsabgeordneter hat eindrücklich gezeigt, dass fehlende Kenntnisse zu gleichstellungsrechtlichen Fakten zu einer Debatte rund um die Arbeit der infra führten, die so nicht stehen gelassen werden kann. Seit Jahren wird in der Diskussion um den infra-Landesbeitrag die Arbeit der infra mit jener des Vereins für Männerfragen (VfM) verglichen. Einen Tiefpunkt erreichte die Diskussion mit dem Vorschlag, die beiden Beratungsstellen zusammenzulegen.
Es ist offensichtlich, dass der Handlungsbedarf in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen und Männern sehr unterschiedlich ist. Ein Blick auf internationale Entwicklungen, wie beispielsweise festgehalten im Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums 2024, zeigt, dass es bei der aktuellen Situation noch 134 Jahre braucht, bis die Genderlücke weltweit geschlossen ist. Auch nationale Daten wie der Menschenrechtsbericht 2023 (herausgegeben vom Amt für Auswärtige Angelegenheiten) oder die Gleichstellungsindikatoren 2024 (herausgegeben vom Amt für Statistik), verdeutlichen, dass die faktische Gleichstellung von Mann und Frau noch weit entfernt ist. Eine zu geringe politische und wirtschaftliche Teilhabe von Frauen in Entscheidungsgremien, fehlende Lohngleichheit für gleichwertige Arbeit (2022: 14,1%), eine überdurchschnittliche Betroffenheit von Frauen von Altersarmut und wirtschaftlich schwierigen Situationen sowie die mehrheitliche Zuständigkeit der Frauen für unbezahlte Betreuungsarbeit führen zu finanzieller Abhängigkeit in der Ehe und nach einer Scheidung – über 90% der Alleinerziehenden sind Frauen.
Sexuelle und häusliche Gewalt gegen Frauen
Im Kontext der Arbeit der infra ist besonders der ungleich grössere Handlungsbedarf bezüglich sexueller und häuslicher Gewalt gegen Frauen hervorzuheben, insbesondere wenn man die hohe Dunkelziffer miteinbezieht. Frauen sind in einer ganz anderen Dimension als Männer Opfer häuslicher Gewalt, was sich auch in Liechtenstein zeigt. Die Gleichstellungsindikatoren für 2024 führen im Bereich häuslicher Gewalt 63 Opfer/Beteiligte an, davon 49 Frauen (78%). Der Menschenrechtsbericht listet die Opferhilfefälle von 2023 nach Delikt und Geschlecht differenziert auf: bei Körperverletzung (10 Frauen, 5 Männer), Drohung/Nötigung (9 Frauen, 5 Männer), häuslicher Gewalt (11 Frauen, 0 Männer), sexueller Gewalt (10 Frauen, 0 Männer), beharrlicher Verfolgung/Stalking (3 Frauen, 1 Mann), Vergewaltigung (5 Frauen, 0 Männer). Hier sind Schutz, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen wie der infra unabdingbar. Unsere Zahlen finden Sie auf S. 15.
Entwicklung und Aufgaben der infra
Die infra, als einzige Anlaufstelle für Frauen, wurde 1986 gegründet. Die jahrelange und anfänglich kostenlose Aufbauarbeit durch die Gründerinnen mündete erst nach 15 Jahren, im Jahr 2001, in einer ersten Leistungsvereinbarung, die 2022 überarbeitet und den aktuellen Gegebenheiten angepasst wurde. Zu den ersten Projekten der infra gehörten die Initiierung des Frauenhauses, des Eltern Kind Forums und des Vereins Kindertagesstätten. Mit speziellen Dienstleistungen und Projekten für Migrantinnen (integra und careforum.li) richtet sich die infra inzwischen auch an Migrant*innen. Mit dem Kooperationsprojekt integration.li werden auch Migranten einbezogen.
Beratung und Unterstützung
Infra arbeitet mit unabhängigen Rechtsberaterinnen zusammen, die hochwertige Erstberatung bieten und dabei das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt stellen. Es zeigt sich jedoch, dass Frauen nach dieser Erstberatung erneut Unterstützung suchen, insbesondere wenn aus einer zuvor einvernehmlichen Trennung plötzlich eine strittige oder hochstrittige Obsorgeangelegenheit entsteht – oft nach anderweitiger Beratung der Gegenseite.
Komplexe Herausforderungen der Gleichstellungsarbeit
Die Gleichstellungsarbeit ist komplex und vielschichtig und erfordert eine differenzierte Betrachtungsweise. Daten belegen, dass der Handlungsbedarf insbesondere im Bereich der Chancengleichheit, der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und der ökonomischen Absicherung nach wie vor gross ist. Die infra nimmt als etablierte und spezialisierte Anlaufstelle für Frauen eine zentrale Rolle ein, indem sie qualitativ hochwertige Beratungen und gezielte Projekte für Frauen anbietet. Eine Zusammenlegung mit dem Verein VfM würde den unterschiedlichen Bedürfnissen und Herausforderungen nicht gerecht werden und entspricht nicht der gesellschaftlichen Realität.
Rückblick und Ausblick
Das Jahr 2025 stand unter dem Schwerpunkt „Frau und Finanzen“. Die Beratungen zur finanziellen Vorsorge zeigten einen erheblichen Informationsbedarf bei Frauen hinsichtlich ökonomischer Unabhängigkeit und Absicherung im Alter. Es wurden gezielte Informationsveranstaltungen und Einzelberatungen durchgeführt, um Frauen umfassend zu unterstützen. Die gesteigerte Nachfrage zur Altersvorsorge nehmen wir zum Anlass, zum 40-jährigen Jubiläum der infra 2026 eine neue Dienstleistung – die individuelle Vorsorgeberatung – anzubieten.
Laut OECD sind Frauen in Entwicklung und Anwendung von KI unterrepräsentiert, was ihren Einfluss auf Innovationen verringert. Fehlende Vielfalt und weibliche Vorbilder verstärken diese Tendenz. Die infra möchte Barrieren abbauen und Kompetenzen stärken, damit sich mehr Frauen an KI und deren Entwicklung beteiligen. Daher werden 2026 gezielte Workshops für Frauen angeboten.
Team und Vorstand
Die infra freut sich über Verstärkung auf der Geschäftsstelle im Bereich Projekte: Rosaria Michaela Ackermann unterstützt das Team seit dem 1. Dezember. Ebenso begrüssen wir zwei neue Vorstandsfrauen, Claudia Lins und Samra Beso. Damit sind die Ressorts Personal und Integration/Migrantinnen wieder abgedeckt.
Die erfolgreiche Arbeit der infra ist nur im Team möglich. Ich danke den Kolleginnen der Geschäftsstelle Karin Beck, Karin Zürcher und Rosaria M. Ackermann, den Vorstandsfrauen, den Anwältinnen Sabine Mohr-Egger, Martina Altmann, Michaela Beck und Daniela Narr, dem integra-Team und allen Vereinsmitgliedern sowie den unterstützenden Institutionen, Organisationen und Stiftungen herzlich für ihre Unterstützung.
Petra Eichele, Geschäftsführerin